Bulgarien als interessanter Wirtschaftspartner mit viel Potenzial für Global Sourcing

Procurement Partner zu Besuch in der bulgarischen Botschaft

Dr. Meglena Plugtschieva (bulgarische Botschafterin, links) mit Thomas Dalla Vecchia (Procurement Partner AG) und Aneta Grouytcheva (bulgarische Wirtschaftsrätin)

Ein osteuropäisches Land, das bei den Themen Global Sourcing und Low Cost Sourcing viele Möglichkeiten bietet, ist Bulgarien. Procurement Partner hat die bulgarische Botschafterin Dr. Meglena Plugtschieva zum Interview getroffen, um mehr über die bulgarische Wirtschaft sowie die Chancen und Schwierigkeiten bei einer Zusammenarbeit mit bulgarischen Unternehmen zu erfahren. 

Procurement Partner AG: Bulgarien ist seit 2007 Mitglied der Europäischen Union und hat gegenwärtig den Vorsitz in der EU. Welchen Einfluss hatte der EU-Beitritt auf die Wirtschaft von Bulgarien?

Dr. Meglena Plugtschieva: Die Mehrheit der bulgarischen Bürger sprachen sich für einen EU-Beitritt aus, da sie die vielen Vorteile fürs gesamte Land mit einem Beitritt sahen. Und so ist es wenig verwunderlich, dass mit dem EU-Beitritt von Bulgarien eine neue Ära begonnen hatte. Es gab viele positive Veränderungen in der Wirtschaft und auch im sozialen Bereich. Zuerst galt es, unsere Gesetze EU-konform anzupassen. Nach der Privatisierung und der Rückgabe von Grund und Boden konnte dank der Finanzierung durch die EU in Bulgarien eine komplette wirtschaftliche und soziale Umstellung vorgenommen werden. Sich in einem Umfeld einer Marktwirtschaft zu bewegen, war eine grosse Veränderung für die bulgarischen Geschäftsleute. Dieser Herausforderung haben sie sich jedoch erfolgreich gestellt und heute herrscht ein positiver und stabiler Trend in der Wirtschaft. Leider gab es während der Übergangszeit auch Verlierer, zum Bespiel im sozialen Bereich. Die Rentner gehören zu den Leidtragenden, weil sie auch noch heute mit sehr niedrigen Renten auskommen müssen. Und auch das Gesundheitswesen steht heute noch nicht dort, wo wir es gerne hätten.

Wie hat sich seither die wirtschaftliche Zusammenarbeit zwischen Schweizer und bulgarischen Firmen entwickelt?

Dank dem EU-Beitritt haben sich die Beziehungen zu anderen EU-Ländern und auch Drittstaaten sehr positiv entwickelt. Die Schweiz war schon immer ein Vorbild für Bulgarien, zum Beispiel in der Wirtschaft aufgrund der hohen Qualität und Präzision oder im Bildungswesen, und daher eine Wunsch-Handelspartnerin. Bulgarische Unternehmen haben nicht nur ein wirtschaftliches Interesse daran, mit einem Schweizer Partner zusammenzuarbeiten. Kontakte in die Schweiz zu haben, bedeutet für sie auch Prestige. Ich bin der Meinung, dass bulgarische Geschäftsleute viel von Schweizer Unternehmungen lernen können. Sei dies im Bereich Qualität, Zuverlässigkeit, Pünktlichkeit oder Organisation. Das Volumen der Handelsbeziehungen zwischen Bulgarien und der Schweiz ist zwischen 2012 und 2017 um rund 20% gestiegen. Darin enthalten sind sowohl die Investitionen wie auch die allgemeinen Beschaffungen inklusive Outsourcing von Schweizer Unternehmen. Ein Zeichen dafür, dass sich die Zusammenarbeit zwischen den beiden Ländern sehr positiv entwickelt hat. Bulgarische Unternehmen sind auch konkurrenzfähiger geworden und haben das Vertrauen von Schweizer Unternehmen gewinnen können. Bulgarische Partner werden nun sowohl in den EU-Mitgliedstaaten als auch in der Schweiz mehr geschätzt und anerkannt. 

Welche Vorteile bietet die Zusammenarbeit mit bulgarischen Unternehmen für Schweizer Geschäftsleute?

Im Vergleich zu anderen EU-Staaten steht Bulgarien zum Beispiel mit einer hohen Finanzdisziplin und niedriger Staatsverschuldung sehr gut da. Zudem bietet Bulgarien attraktive Rahmenbedingungen für ausländische Unternehmen. Die Unternehmens- und Einkommenssteuer beträgt 10%. Bulgarien konkurrenziert als Wirtschaftsstandort stark mit dem asiatischen Raum. Vorteil von Bulgarien ist jedoch, dass die Zeitverschiebung kleiner ist und die Zusammenarbeit somit erleichtert wird. Ebenfalls liegt die Mentalität der Bulgaren näher an der von Westeuropäern als zum Beispiel die Wertvorstellungen von Asiaten. Die vorhandenen, gut ausgebildeten und motivierten Fachkräfte in Bulgarien werden immer wieder von den ausländischen Investoren gelobt und als grosser Vorteil bezeichnet. Zudem verfügt Bulgarien über eine gute strategische Lage: Länder in der Schwarzmeerregion sind in unmittelbare Reichweite. 

Generell hört man, dass die Gewinnung von gut ausgebildeten Fachkräften ein kritisches Thema in mittel- und osteuropäischen Ländern ist. Was tut Bulgarien, damit der bulgarischen Wirtschaft weiterhin genügend gut ausgebildete Fachkräfte zu Verfügung stehen?

Bis 2000 führte die deutsch-bulgarische Handelskammer regelmässig Umfragen bei deutschen Investoren zum Thema Vor- und Nachteile des bulgarischen Wirtschaftsstandortes durch. Dabei wurde der Punkt Fachkräfte stets positiv bewertet. Seit der Jahrtausendwende setzte jedoch eine negative Tendenz ein. Es entstand ein Mangel an Fachkräften und während der Finanz-und Wirtschaftskrise in der EU stieg die Arbeitslosigkeit in Bulgarien an. Von 2010 – 2012 lag die Arbeitslosigkeit bei jungen Leuten relativ hoch. Nach der Wende gab es viele Reformen im Bildungswesen, was auch unser duales Bildungssystem betroffen hat. Nach der obligatorischen Schule tendierten alle jungen Leute dazu, direkt eine Hochschule zu besuchen. Die Ausbildung von technischen Berufen wurde vernachlässigt und somit kam es zum Fachkräftemangel. Bulgarien hat aber erkannt, dass ohne exzellentes Bildungssystem den jungen Bulgaren und der gesamten Wirtschaft eine schwierige Zukunft bevorsteht. Darum hat Bulgarien mit der finanziellen Unterstützung der Schweiz vor drei Jahren begonnen, ein duales Bildungssystem mit Berufslehre und akademischer Laufbahn wie in der Schweiz einzuführen. Bulgarische Vertreter haben das Schweizer System der Berufslehre eingehend studiert und sind in fortlaufendem Kontakt mit der Schweizerischen DEZA, um eine nachhaltige Entwicklung zu garantieren. Erste Berufslehren wurden in Zusammenarbeit mit Fachschulen und Fertigungsunternehmen in Bulgarien erfolgreich gestartet. Nun ist auch die notwendige Gesetzesänderung im bulgarischen Parlament in Arbeit, damit ein duales Bildungssystem in Bulgarien grossflächig gewährleisten werden kann.

Man hört und liest in den internationalen Medien oft über Korruptionsvorwürfe in Bulgarien. Inwieweit trifft dies zu und welche Auswirkungen hat dies auf Schweizer Unternehmen, welche mit bulgarischen Unternehmen zusammenarbeiten möchten?

Die Korruption ist nicht nur für Bulgarien ein Thema. Ich bin der Meinung, dass jedes Land, das turbulente Zeiten hinter sich hat, mit dieser Begleiterscheinung zu kämpfen hat. Seit dem EU-Beitritt haben die Korruptionsvorwürfe in Bulgarien jedoch abgenommen. In meinen Augen wird das Korruptionsproblem in Bulgarien zurzeit in den internationalen Medien stärker hervorgehoben, als es effektiv ist. Bulgarien erhält so zu Unrecht einen schlechten Ruf und muss gegen ein schlechtes Image ankämpfen. Bis jetzt habe ich persönlich noch von keinem ausländischen Unternehmen gehört, dass es beim Aufbau von Geschäftsbeziehungen in Bulgarien mit Korruption in Kontakt gekommen ist und ihm dadurch Schwierigkeiten bereitet wurden. Im Gegenteil: Umfragen zeigen, dass sich ausländische Geschäftsleute immer besser und sicherer fühlen in Bulgarien. Ausländischen Unternehmen empfehle ich, sich stets an die Gesetzgebung zu halten, den Kontakt zu den zuständigen Institutionen auf lokaler und nationaler Ebene zu suchen und auch ihre Partner richtig auszuwählen. 

Sie sind nun seit über fünf Jahren bulgarische Botschafterin in der Schweiz und haben die Schweizer Mentalität kennengelernt. Was geben Sie Schweizer Unternehmen, die eine Zusammenarbeit mit bulgarischen Unternehmen anstreben, als Tipp mit auf den Weg?

Bevor ein Unternehmen die Zusammenarbeit mit bulgarischen Partnern sucht, sollte es sich ein genaues Bild vom Land und den Leuten machen. Es ist wichtig, dass man über die Kultur und Traditionen Bescheid weiss, damit man die Mentalität der Bulgaren versteht. Bulgaren haben eine hohe Willkommenskultur, sind Beziehungsmenschen und wollen vor dem geschäftlichen Zusammenarbeiten zuerst Vertrauen aufbauen. Daher sollte man sich vor der Reise nach Bulgarien informieren und beraten lassen. Als Informationsquellen eignet sich dabei die bulgarische Botschaft in der Schweiz oder die Schweizer Botschaft in Sofia und Schweizer Partner, die das Land als Wirtschaftsstandort bereits gut kennen. Ein solcher Partner könnte zum Beispiel Thomas Dalla Vecchia, Global Sourcing Spezialist bei der Procurement Partner AG, sein. Er kennt Bulgarien sehr gut, hat dank seinem lokalen Beziehungsnetz bereits viele Geschäftsbeziehungen vor Ort aufgebaut und ist mit der bulgarischen Kultur und Mentalität vertraut. Als Schweizer weiss er zudem genau, welche Befürchtungen und Fragen Schweizer Unternehmen beschäftigen. Er ist eine gute Schnittstelle und ein vertrauenswürdiger Vermittler zwischen Schweizer und bulgarischen Unternehmen. Ebenfalls ist es sehr hilfreich, sich vor Ort direkte Kontakte zu Institutionen im Land aufzubauen, die den Unternehmen mit Rat zur Seite stehen. Die Liste der Schweizer vor Ort ist lang, ich kann sie nicht alle aufzählen. Weiter empfehle ich, unbelastet und ohne Vorbehalte ans Thema heranzugehen. In Bulgarien Geschäfte zu machen, ist wie in jedem anderen europäischen Land. Bulgarien bleibt gemäss Prognosen politisch und wirtschaftlich stabil und ist zukunftsorientiert sowie flexibel.

  • Procurement Partner

24.07.2018